Hyänen-Kuss unterm Baobab

Haritha Pilapitiya vor Baobab, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

Haritha Pilapitiya vor Baobab, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

„Leoparden lieben Baobabs – sie klettern gerne auf die riesigen Äste der Giganten, wo es schattig und kühl ist. Die Temperaturen in Makuleke erreichen manchmal 48 Grad – was gibt es da Besseres, als auf der kühlenden Rinde eines Baobabs zu liegen…“ Haritha Pilapitiya, Trails Guide

Kaum hat die Sonne den fernen Horizont erklommen, taucht sie die langsam dahinziehenden Schäfchenwolken in zarte Pastelltöne. Ganz still wandern wir im Gänsemarsch auf uralten Pfaden, während das Vogelorchester ein frühmorgendliches Meisterstück intoniert. Unsere Route führt uns durch eine atemberaubende Landschaft vorbei an herrlichen Baobabs.

Baobab, Makuleke, Suedafrika

Baobab, Makuleke, Suedafrika

Wir machen Rast an einem besonders beeindruckenden Giganten, dessen knorrige Äste weit in den Himmel ragen. Die Mutigsten in unserer Gruppe versuchen sich am riesigen Stamm – sie möchten so hoch wie möglich klettern. Unter den Kletterfreunden ist Haritha Pilapitiya, genannt Hari, der heute unser Back-up Guide ist. Zusammen mit Jasper Visser, dem Lead Guide, stellt er sicher, dass unsere Wanderung im Busch sichere Begegnungen mit Wildtieren ermöglicht – so sicher das eben sein kann… Unterwegs sind wir in der Makuleke Konzession im nördlichen Teil des Krüger Nationalparks in Südafrika. Weil ich so viel wie möglich über dieses fremde Ökosystem lernen möchte, nehme ich an einem  EcoQuest Kurs teil.

Haritha Pilapitiya auf Baobab, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

Haritha Pilapitiya auf Baobab, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

Stolz trägt der junge Naturführer seine Waffe und sieht ziemlich beeindruckend damit aus. Schnell erfahre ich, dass er Experte im Umgang mit Gewehren ist. Hari kommt aus Sri Lanka, einem Land, in dem es „viele Tiere und riesige Waldgebiete mit großer Artenvielfalt und einen einzigen Baobab im Norden gibt“, sagt er. Bevor er seine Ausbildung bei EcoTraining begann, bereitete er sich auf seine spätere Karriere vor, ohne das zu ahnen. Er war Sportschütze in der in der Nationalmannschaft und „reiste im Alter von 10 bis 18 Jahren für sein Land zu professionellen Sportevents auf der ganzen Welt bis ich zu einem Punkt kam, an dem es nichts mehr zu gewinnen gab.“ Er entschied sich für seinen nächsten Karriereschritt.

Haritha Pilapitiya, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

Haritha Pilapitiya, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

Ich frage mich, was ihn dazu veranlasste, ausgerechnet den Beruf des Rangers zu ergreifen, erfahre aber schnell, was ihn dazu motivierte: Sein Vater arbeitete als Camp Manager im Yala-Nationalpark in Sri Lanka. Der Park ist für die höchste Dichte an Leoparden weltweit bekannt. Früh kam Hari in engen Kontakt mit der Wildnis Sri Lankas woraus sich seine Leidenschaft für die Natur entwickelte.

Haritha Pilapitiya, Banyini Pan, Makuleke, Südafrika

Haritha Pilapitiya, Banyini Pan, Makuleke, Südafrika

Ein Gespräch mit einem Kollegen, der in Südafrika erfolgreich einen Professional Field Guide Kurs mit EcoTrianing absolviert hatte, inspirierte ihn dazu, sich dort für einen 55-tägigen Field Guide Level 1 Kurs anzumelden. Ihm gefiel, was er sah und belegte das einjährige Training zum professionellen Naturführer. „Ich war beeindruckt von den Standards im Training und davon, wie die Menschen in Südafrika schützen, was sie haben. Was ich gelernt habe, hat mich sehr beeinflusst. Ich sah Dinge, die ich noch nie zuvor bemerkt hatte, wie kleine Insekten und Pflanzen, über die man sprechen kann, um die Menschen zu bereichern.“ Der Sportbegeisterte entdeckte seine Leidenschaft fürs Wandern in der Natur und erweiterte seine Ausbildung um ein Trails Guide Training. „Ich laufe gerne, weil es mich mehr mit der Natur verbindet als im Auto auf vier Rädern durch die Landschaft zu schaukeln“, sagt er.

Haritha Pilapitiya, Makuleke, Südafrika

Haritha Pilapitiya, Makuleke, Südafrika

Baobab-Tradition in Makuleke

Beim Thema Baobab erwähnt Hari eine alte Siedlungsstätte der Makuleke in der Nähe vom  Limpopo. Die Menschen bevorzugten als Standort die Nähe von großen Flüssen und anderen permanenten Wasserquellen. So hatten sie regelmäßig Zugang zu Wasser und Fisch, konnten Getreide anbauen und Vieh halten. An einem dieser Orte wächst ein riesiger Baobab auf einem kleinen Grat auf dem höchsten Punkt in der Gegend. Wie Hari von Kollegen hörte, machte der Chief (traditioneller Anführer) den Baobab zu seiner Residenz, seine Untertanen lebten in Lehmhütten in der Nähe.

Alter Baobab, Makuleke Concession, Südafrika

Alter Baobab, Makuleke Concession, Südafrika

Baobabs höhlen mit zunehmendem Alter aus, das ist ein natürlicher Prozess. Damit der Chief in die Höhle im Baobab klettern konnte, waren Holzpflöcke in den Baumstamm getrieben worden. Sie dienten als Leiter zum Eingang.

Baobab, Makuleke Konzession, Südafrika

Baobab, Makuleke Konzession, Südafrika

In den 1960er Jahren wurde das Land der Makuleke dem Krüger-Nationalpark einverleibt. Das Apartheid-Regime zwang die Menschen, die Gegend zu verlassen. Nach der Unabhängigkeit strebten die Makuleke einen Prozess zur Rückgabe ihres traditionellen Lands an, den sie auch gewannen. Seit 1998 sind sie wieder Eigentümer. Der Chief stattete dem Gebiet einen Besuch ab, Ranger aus dem Pafuri Camp begleiteten ihn. Obwohl sich die Landschaft zum Teil gravierend verändert hatte, erkannte der Chief den alten Baobab wieder. Dort im alten Baum am Fluss habe er mit seiner Frau gelebt. Das erfuhr Hari von den Rangern, die den Chief begleitet hatten. Aus Gründen des Naturschutzes und des Erhalts der Vielfalt in der Region beschlossen die Makuleke, die Gegend nicht erneut zu besiedeln. Der Zufluchtsort für Wildtiere und Pflanzen sollte touristisch entwickelt werden. Heute erzielen die Makuleke Einnahmen aus dem Ökotourismus.

Baobab, Makuleke Concession, Südafrika

Baobab, Makuleke Concession, Südafrika

Der alte Baobab ist immer noch stark. Da er seit vielen Jahren nicht mehr genutzt wird, ist der Zugang zu der Höhle enger geworden, was das Einsteigen erschwert. Während seiner Zeit in Makuleke beobachtete Hari, dass „Baobab“ in der Makuleke-Kultur eine „große Sache“ zu sein scheint – für die Menschen sei er ein Riese, der Dominanz, Macht und Präsenz ausdrückt. Deshalb säßen die wichtigen Personen im Schatten eines riesigen Affenbrotbaums – die anderen wüssten so, wo sie zu finden seien.

Der Guide hat viele alte Baobabs mit ihren natürlichen Höhlen gesehen. Abgesehen davon, dass sie lange Zeit als Wohnstätte genutzt wurden, lagerten die Menschen Gemüse und andere Nahrungsmittel darin. Baobabs speichern viel Wasser in ihren Zellen und können so an heißen Sommertagen für Abkühlung sorgen und halten Lebensmittel frisch.

Wanderung mit Haritha Pilapitiya, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

Wanderung mit Haritha Pilapitiya und Jasper Visser, Trails Guides, Makuleke, Südafrika

Begegnung mit Hyäne unterm Baobab

Vor einiger Zeit war der junge Guide zu einer zweitägigen Wanderung mit einer Gruppe eingeteilt. „Ich trug einen großen Rucksack mit Essen, Wasser, Decke und allem, was ich zum Schlafen brauchte“, erinnert er sich. Niemand schleppt ein Zelt oder anderes unnötiges Gewicht. Man schläft im Schlafsack und genießt den atemberaubenden Blick auf den nächtlichen afrikanischen Sternenhimmel – was zu einem der Highlights auf einem „Sleep-Out“ gehört und meist viel besser ist, als jedes 5-Sterne-Hotel. Die Gruppe hatte nur wenig Zeit, um die Strecke zum Übernachtungsort zurück zu legen. Heiß war es auch. Die Logistik war einfach und Duschen für die Verschwitzen war nicht vorgesehen.

 „Mein Rucksack wurde schwer, als wir die Bergkämme hinaufwanderten“, sagt Hari, „als die Sonne langsam sank, kamen wir endlich an. In der Nähe einer ehemaligen Makuleke Siedlung mit vielen Baobabs schlugen wir unser Nachtlager auf.“ Die Gruppe teilte sich für ihre Nachtwache ein. In der Wildnis übernachten bedeutet, dass immer jemand am Feuer über die Schlafenden Wache halten muss.

Wanderung mit Haritha Pilapitiya, Makuleke, Südafrika

Wanderung mit Haritha Pilapitiya, Makuleke, Südafrika

Müde von der Wanderung rollte sich Hari so früh wie möglich in seinem Schlafsack zusammen. Viel Schlaf bekam er nicht, denn die Nacht begann „hektisch“: Eine Elefantenherde suchte sich fressend ihren Weg in Richtung Camp. Die müde Wandertruppe zog sich weiter auf den Hügel zurück. Nach einem kurzen Intermezzo kehrte die Gruppe ins Lager zurück. Hari verschwand zielstrebig im Schlafsack.

„Der Vollmond leuchtete vom klaren Nachthimmel. Von meinem Schlafplatz aus sah ich die beeindruckende Silhouette eines Baobabs mit seinen ausladenden Ästen“, erinnert er sich. Kalt war es und aus dem Schlafsack lugte nur sein Gesicht. Bald war er wieder tief eingeschlafen. „Es war fast Morgen. Etwas untersuchte meine linke Wange und stupste mich – es fühlte sich fast an wie eine kalte Hundeschnauze – aber wenn ich schlafe, schlafe ich wie ein Baumstamm“, erinnert sich der Abenteurer.

Das „Ding“ stupste ihn wieder ins Gesicht. Er ignorierte es – es hätten Fledermäuse sein können, die sein Gesicht trafen, was hin und wieder passieren kann, wenn man unter freiem Himmel schläft. Endlich stellte seine Nase die Verbindung zum Gehirn her und Hari bemerkte einen schrecklichen Geruch – übel, wie von totem Fleisch. Etwas begann, sein Gesicht abzulecken.

Hyäne, Krüger Nationalpark, Südafrika

Hyäne, Krüger Nationalpark, Südafrika

„Mein Gesicht war schweißnass – plötzlich saß ich aufrecht. Mit dem Mond im Rücken erkannte ich den Umriss einer Hyäne direkt vor meinem Gesicht.“ Der Guide zog seine Hand aus dem Schlafsack und schlug das Tier auf den Kopf. Die Kreatur blieb unbeeindruckt und kam sofort zurück. Offenbar hatte es ihm der salzige Geschmack auf Haris Wangen angetan.

Aufstehen erwies sich als schwierig – seine rechte Seite war auf dem harten Boden eingeschlafen und sein Arm fühlte sich taub an. Er konnte sein Gewehr nicht greifen. Aus dem Schlafsack klettern dauerte ewig. Er griff nach seiner Taschenlampe – ein Lichtstrahl auf das Tier zeigte es in nur zwei Metern Entfernung.

Haritha Pilapitiya, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

Haritha Pilapitiya, Trails Guide, Makuleke, Südafrika

Ich schaute nach den Wachen am Feuer. Sie sahen in die entgegengesetzte Richtung und hatten das Auftauchen der Hyäne noch gar nicht bemerkt. Er schrie sie an „Leute, hier ist eine Hyäne im Camp. Sie waren schockiert, weil sich Hyäne so leise angeschlichen und sie das Tier nicht gehört hatten“, erinnert er sich. Alle Bemühungen, sie zu verscheuchen, schienen zu scheitern – der Vierbeiner kehrte immer wieder zurück. Irgendwann stand sie dann in einiger Entfernung und starrte Hari fünf Minuten nur an, was sich für ihn wie eine Stunde anfühlte. Plötzlich trabte sie den Kopjie (Hügel) hinunter, am Grat entlang, heulte einmal auf und verschwand in der Dunkelheit.

Hari hätte sein Gesicht oder sein Leben während dieser seltsamen Begegnung verlieren können. Anstatt viel Aufhebens darum zu machen, zog er sich sofort wieder in seinen Schlafsack zurück. Angst hätte er schon gehabt, meint er. Rückblickend war es „ein großes Abenteuer“ sagt er und lacht.

Zebras, Makuleke, Südafrika

Zebras, Makuleke, Südafrika

Zukunft als Naturführer

In der Zwischenzeit ist Hari ein voll qualifizierter Field Guide und bereit, seine Fähigkeiten in Sri Lanka einzusetzen. Dort möchte er Walking Safaris einführen. Er bedauert, dass viele Menschen in seinem Heimatland den natürlichen Lebensraum, der mit erschreckender Geschwindigkeit verschwindet, nicht zu schätzen wissen. Aber der junge Ranger hat eine große Vision: „Ich möchte unsere Natur mit ihrer reichen Geschichte, die bis auf Buddha zurückgeht, schützen und sie für die Zukunft bewahren. Es gibt noch viel zu entdecken. Ich brenne darauf, mir die uralten Wälder zu erwandern, neue Orte und vielleicht sogar neue Tiere zu entdecken.“

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