Besondere Baobab Story am Eagles Rock

Rhodes Baobab, Mmamagwa, Mashatu, Botswana

Rhodes Baobab, Mmamagwa, Mashatu, Botswana

Golden färbt die Sonne die Landschaft um den Eagles Rock in Mashatu, Botswana. Der Nachmittag ist weit fortgeschritten und wir rumpeln über Wurzeln und Steine auf einer sandigen Piste auf die Felsformation zu. Das rote Licht der untergehenden Sonne lässt den Fels glühen. Hoch über ihm zieht einer der Verreaux’s Adler seine Kreise. Die Luft vibriert von den Geräuschen der afrikanischen Wildnis. Rechterhand passieren wir Mmamagwa, eine beeindruckende prähistorische Stätte mit faszinierender Ausstrahlung. An der Kante ganz oben auf der Steinformation lebt ein einzelner Baobab. Er reckt seine beiden Hauptäste wie Arme in den Himmel. Stumm scheint er im täglichen Kampf zu rufen: „Du da oben, kannst Du mich sehen?“ Der Baum trägt auch den Namen ‚Rhodes Baobab‘ obwohl er schon lange vor Rhodes‘ Ankunft auf dem Fels gelebt hat.

Rhodes Baobab, Mashatu, Botswana

Rhodes Baobab, Mashatu, Botswana

Etwas später schrecken wir ein Zebra auf, das wir in seiner abendlichen Routine gestört haben. Viele Menschen bekommt es in dieser abgelegenen Gegend sicher nicht zu Gesicht. Russell Crossey, unser Ranger, manövriert den Geländewagen um ein paar Büsche und hält direkt vor dem Eagles Rock unter einer großblättrigen Steinfeige an. Sie wächst direkt aus einem Felsspalt. Mit einem gluckernden Geräusch verstummt der Motor. Ein sanfter Wind streicht über unsere Gesichter und verteilt den Staub, den wir mit dem Wagen aufgewirbelt haben, gleichmäßig. Die Hitze des Tages hat fühlbar nachgelassen.

Rhodes Baobab, Mashatu, Botswana

Rhodes Baobab, Mashatu, Botswana

Auf den zweiten Blick entdecken wir den Horst der Adler, der sich perfekt in die Zweige der Steinfeige schmiegt. Wir haben Glück und sehen das wenige Tage alte Küken der Adler wie es sich im Nest bewegt. Beide Altvögel sind auf der Jagd und kreisen über uns. Ihre bevorzugte Beute sind Klippschliefer, die in den Felsen leben.

Nach einigen Momenten stiller Betrachtung erzählt Russell seine ungewöhnliche Baobab Geschichte über einen Rugby Spieler und Baobab Liebhaber, den er lange Zeit bewundert hat. Jener hat ein Gedicht über einen ganz besonderen Baobab geschrieben. Mit dem Schrei des Adlers beginnt Russels Geschichte:

Russell Crossey am Eagles Rock, Mashatu, Botswana

Russell Crossey am Eagles Rock, Mashatu, Botswana

„Sie geht zurück in eine Zeit als ich etwa 10 Jahre alt war. Wie die meisten Südafrikaner mochte ich Rugby, was nicht überrascht, denn Südafrika ist eine große Rugby Nation. Im Team der Springboks spielte der berühmte Ian McCallum. Er war einer der schärfsten Angreifer im Spiel und selbst die härtesten Spieler zollten ihm Respekt. Außerdem arbeitete er als angesehener Psychiater in Kapstadt. 

Eines Tages nahm McCallum eine Auszeit von der Arbeit. Er zog mit seiner Frau nach Linyanti in der Gegend um Chobe im Norden von Botswana. Dort war er verantwortlich für ein kleines Camp von Wilderness Safaris. Zur selben Zeit habe ich in der gleichen Konzession in einem Camp namens Kings Pool gearbeitet und hatte gehört, dass er in der Nähe lebt.

Wanderung in der Wildnis, Mashatu, Botswana

Wanderung in der Wildnis, Mashatu, Botswana

Einer der Camp Manager fragte mich, ob ich nach Linyanti fahren könne, um dort etwas abzuliefern. Natürlich willigte ich ein, denn so bekam ich die Gelegenheit, den Helden meiner Kindheit kennenzulernen. Etwas nervös fuhr ich zum Camp. Ich wusste, dass er ein erstaunlicher Rugbyspieler war und erwartete eine richtig ‚harte Type‘.

Als ich ihn traf, war ich überrascht: er schien die sanfteste und sensibelste Person zu sein, die man sich vorstellen kann – und zudem noch ein Poet, der sich bestens auf die Natur in Linyanti eingestellt hatte. Während wir sprachen, eröffnete er mir, dass nicht er die Gedichte schreibe, sondern sie sich ihm offenbarten. Wenn er still irgendwo in sich versunken sitzt, kommen die Worte plötzlich zu ihm. Er hat für sich erkannt, dass Dichtung der einzige Weg ist, wie man diese unglaublich feinen Dinge im Leben beschreiben kann. Die Dichtkunst nährt sich von der Vorstellungskraft, dem Unterbewussten und dem kollektiven Unterbewussten. Sie ist ein großartiger Weg, um schöne Ereignisse zu beschreiben, für die normale Worte nicht ausreichen. Über die Dichtkunst trifft er die Dinge, die er ausdrücken möchte. Sein Gedichtband „Wild Gifts“ ist eines meiner Lieblingsbücher (daran habe ich keinen Zweifel, denn Russell zieht ein sehr abgegriffenes Exemplar aus dem Handschuhfach). Eines der vielen Gedichte ist über einen Baobab. Ich bin fasziniert von der Geschichte des Baums, die so mit seinem Leben verwoben ist.

Baobab, Mashatu, Botswana

Baobab, Mashatu, Botswana

In Linyanti lebte ein enormer Baobab, den McCallum gerne aufsuchte. Besonders den Sonnenuntergang verbrachte er gerne in der Nähe des Riesen. Er nannte den Baum „die alte Dame“. Er war durch Elefanten schwer geschädigt. Über Jahrzehnte hatten sie mit ihren Stoßzähnen große Stücke aus dem Stamm gebrochen. Der Baum nahm die Form einer Eieruhr an.“

Russell unterbricht seine Erzählung kurz, um eine Besonderheit bei Baobabs zu erklären. Gewöhnliche Bäume haben ihre Versorgungskanäle unter der Rinde. Damit transportieren sie Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln zur Baumkrone. Entfernt man die Rinde im Kreis um den ganzen Baum, wird der Transportweg unterbrochen und der Baum stirbt ab. Beim Baobab ist das anders. Russell erläutert „der ganze Baum besteht aus einer Art Transportzellen und gleicht damit einer riesigen Wurzel.“ Nimmt man dem Baobab die Rinde ab, bringt es ihn nicht notwendigerweise um. Selbst wenn er stark beschädigt wird, hat er immer noch Versorgungszellen im Inneren. Die äußere Wunde verschließt sich schnell. Nur eine sichtbare Narbe bleibt zurück.

Auf dem Weg zur Baobab Allee, Mashatu, Botswana

Auf dem Weg zur Baobab Allee, Mashatu, Botswana

Russell erzählt weiter: „Die Elefantenschäden waren groß am Baum und irgendwann forderte die Schwerkraft ihren Tribut. Eines Nachts krachte der Riese auf die Erde. In derselben Nacht verstarb auch McCallums Mentorin, Psychiaterin und enge Freundin, Vera Burman. Sie hatte einen großen Einfluss auf sein Leben und seine Karriere. Beide Ereignisse trafen ihn schwer. Er schrieb ein Gedicht, das die beiden Leben – das des alten Baobab und das seiner Freundin – miteinander verband. Er nannte es „Der Elefantenbaum“. Im Buch steht vor dem Gedicht eine kleine Erläuterung zum Kontext der Geschichte.“ 

Wild Gifts, Erläuterungen, Ian McCallum

Wild Gifts, Erläuterungen, Ian McCallum

Was dann kommt, jagt mir Schauer über den Rücken: Russell liest das Gedicht mit seiner klaren, weichen Stimme laut vor. Jedes Wort hallt als Echo vom Fels und wird begleitet von den Rufen eines Frankolins in der Nähe. Über uns kreisen immer noch die Adler. Am Ende des Vortrags sitzen wir schweigend im Auto während das Echo mit den Geräuschen der Wildnis verschmilzt. Ich bin dankbar für diese bezaubernden Momente und froh, dass ich Russell um seine Baobab Geschichte gebeten habe.

Wild Gifts, Gedicht, Ian McCallum

Wild Gifts, Gedicht, Ian McCallum

Erlebt habe ich diesen außergewöhnlichen Gedichtvortrag während eines Trails Guide Kurses von EcoTraining in Mashatu. Während der Zeit dort hatte ich oft die Gelegenheit, die besonderen Baobabs dieser Gegend zu sehen. Gerne erinnere ich mich an eine unvergessliche Wanderung zur Baobab Allee. Sie liegt in der Nähe des Baobabs auf Mmamagwa und ist mindestens so atemberaubend wie der Rhodes Baobab. Welch ein Luxus, an so einem magischen Baobab Ort zu leben.

Baobab Allee, Mashatu, Botswana

Baobab Allee, Mashatu, Botswana

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